Das Stinktier


"Keiner liebt mich", seufzte das Stinktier und setzte sich jammernd an den Bach, um seinen salzigen Tränen nachzuschauen, wie sie von der Spitze seiner Wimpern ins Wasser tropften, sich mit den fröhlichen hüpfenden Wellen vermischten und verschwanden. "Was klagst du so und heulst, dass es einen Stein erweichen könnte!" krächzte der Rabe, der im Fluge die Worte des Stinktiers gehört und sich daraufhin an seiner Seite niedergelassen hatte.

"Was sollte ich wohl nicht klagen und weinen, wo doch alle Tiere sich von mir wenden oder mich überhaupt nicht beachten", erwiderte das Stinktier. "Es ist ungerecht von der Schöpfung, mir einen Geruch anzuhängen, der jedermann veranlasst, einen Bogen um mich zu machen."

"Bist du da sicher, dass es dein Geruch ist, der alle Geschöpfe bewegt, dich zu meiden?" fragte der Rabe zurück. "Aber hast du dir mal überlegt, ob du eigentlich jemanden liebst?" - "Aber sicher doch", schnaufte das Stinktier empört. "Weisst du das genau?" fragte der Vogel. "Überlege mal, was geht dir durch den Kopf, wenn du eine Ziege siehst, die sich dir nähert?"

"Na, das ist doch klar, dass ich mir dann denke, gleich wird sie mir die Ohren vollmeckern." - "Aha", sagte der Rabe. "Und was meinst du, wie dein Gesicht aussieht, wenn du das denkst, etwa einladend?"

"Naja, bei der Ziege kann das schon sein", gab das Stinktier zu. "Soso, und was geht dir durch den Kopf, wenn du eine Gans kommen siehst?" - "Ist doch klar, dass ich dann denke, dass ich mir gleich wieder ihr dummes Geschnatter anhören muss."

"Da siehst du es. Und jetzt überleg dir, welche Gedanken durch deinen Kopf gehen, wenn eine Kuh, ein Schaf, ein Reh, die Elster, der Frosch oder andere Tiere dir entgegenkommen."

"Hmmm, du meinst, es liegt gar nicht an meinem Geruch, dass die anderen Bewohner der Umgebung einen Bogen um mich machen?" - "Natürlich nicht!" sagte der Rabe. "So doll stinkst du doch gar nicht, wenn du dich hin und wieder wäschst."

"Und was soll ich deiner Meinung nach machen?" fragte das Stinktier. "Also, die Schlauheit hast du nicht gerade gepachtet", erwiderte der Rabe. "Das liegt doch auf der Hand. Du brauchst nur deine Gedanken zu ändern. Dein Gesicht wird demjenigen, der dir entgegenkommt verkünden, wie du dich auf ihn einstellst. Und entsprechend wird er dir entgegentreten."

"So einfach soll das sein?" fragte das Stinktier ungläubig. "Ja, so einfach kann das sein. Probier es doch mal aus und lass dich überraschen!" Mit diesen Worten flog der Rabe davon. Ob das Stinktier dem Raben geglaubt hat, weiss ich nicht. Aber ich zweifle daran. In den Biologiebüchern steht immer noch, dass Stinktiere keine beliebten Geschöpfe sind.

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