Der Tanz mit dem Schatten


Nachdem er alle Bemühungen um eine sichere Existenz im Leben, Wohlstand und Glück vereitelt sah, ergab sich ein noch junger Mann der Melancholie. Ärzte konnten ihm nicht helfen. Und als er ihren vergeblichen Rat auch nicht mehr bezahlen konnte, machte er sich, obwohl ohne Hoffnung, auf einen Weg fort von dem Ort seines gescheiterten Strebens.

Seine traurige Stimmung beschwerte seine Schritte und zwang zu häufiger Rast. Jeden Platz, an dem er ruhte, betrachtete er voller Wehmut, wie wenn er der letzte sein könnte, den seine Augen erblickten. Dieses Schauen machte ihn hellsichtig. Mit Verwunderung sah er wie im Nebel geistige Wesen, vernahm Stimmen und fühlte sich berührt wie von Strömen aus anderen Welten. Als er wieder einmal am Rande einer Lichtung sich niedergelassen hatte, erblickte er neben sich die durchscheinende Gestalt einer alten Frau, die ihr Antlitz ihm zuwandte und ihre Stimme erhob: "Du siehst mich, nicht wahr", sprach sie ihn an. "Ja, ich sehe dich", antwortete er. "Dann wirst du gesunden", fuhr sie fort und wandte sich zum Gehen. "Aber wie soll das geschehen, ich habe alles versucht, und nichts gelang mir", rief er voller Hilflosigkeit hinter ihr her. Da wandte sie schon im Gehen sich nochmals um und sagte: "Wenn deine Augen gelernt haben werden, auf dem Anblick deines Schattens zu verweilen, dann wird deine Seele erlöst sein und dein Leiden vergehen." Mit diesen Worten verschwand sie im Nebel.

Von diesem Tage an wurde neue Hoffnung in ihm lebendig. Seinen Schatten liess er nicht mehr aus den Augen. Über Pfade und Wege, durch Moore, Wälder und Heide, über Berge und am Rande von Seen, in der Einöde und in bewohnten Gegenden, verfolgten seine Blicke den Tanz seines Schatten bald vor ihm, bald hinter seinem Rücken und zu seinen Seiten. Aber nichts geschah. Langsam versank sein Gemüt wieder in Trauer und Melancholie.

Und er war schon nahe daran, seinen Schatten wieder aus den Augen zu verlieren, als sein Weg ihn in eine tiefe Schlucht führte, in der Felsen von weissem Gestein hell aufragten. Je tiefer er in die Schlucht hineingeriet, desto seltsamer leuchtete es darin. Sonnenstrahlen erhellten schon lange nicht mehr seinen Weg. Aus dem Gestein begann es zu schimmern, zu leuchten und immer heller zu glühen. Und dieses Licht, das von irgendwoher aus dem Innern des Berges drang, malte seinen Schatten an die Felswand. Doch als er genauer hinsah, erschrak er. Das war nicht der Schatten seines von Trauer gebeugten Körpers, den er dort erblickte. Das war der Schatten eines tobenden Wesens, dessen Bewegungen von wilden Gefühlen beherrscht wurden. Voller Schrecken wandte der junge Mann sich ab und bedeckte seine Augen mit den Händen. Doch da fielen ihm die Worte der Geisterfrau ein: "Wenn deine Augen gelernt haben werden, auf dem Anblick deines Schattens zu verweilen, dann wird deine Seele erlöst sein und dein Leiden vergehen." Und er nahm die Hände von den Augen und schaute auf den Schatten. Hoch bäumte die dunkle Gestalt sich auf, im Begriff, sich auf ihn zu stürzen und ihn zu vernichten. Der junge Mann bebte vor Angst, und sein Entsetzen steigerte sich noch, als er wahrnahm, wie die dunkle Gestalt gleichsam im Sprunge auf ihn erstarrte und zu beben begann. Da wich die Angst von ihm, und er sah die Gestalt, wie sie aufhörte zu beben und sich entspannte.

Verwunderung ergriff den jungen Mann, als er nun sah, wie ein Staunen seinen Schatten ergriff. Und plötzlich verstand er. Er sah auf den Schatten seiner Seele, sah die Bewegungen seiner Gefühle in seinem Innern, und plötzlich wurde ihm ganz leicht. Seine Seele begann zu tanzen. Er nahm seinen Schatten in die Arme und schmiegte sich an ihn. Langsam begannen sie, sich zu wiegen und zu drehen, sich zu entfernen und wieder zu nähern, sich abzuwenden und wieder zuzuwenden, sich aneinander zu schmiegen, bis sie vereint waren und in Harmonie mit den Klängen einer fernen Musik über den Boden zu schwebten.

Aus: "Der Wächter am Tor zum Zauberwald" von Alexa Mohl - Kaufen bei Amazon