Himmlische Weisheit


Als Peter nach einem schweren Keuchhusten im Alter von 10 Jahren stirbt und in den Himmel kommt, ist er seltsam erstaunt darüber, dort eine Schule besuchen zu müssen. Aber er stellt sehr schnell fest, dass der Schulunterricht im Himmel sehr verschieden ist von dem, den er auf Erden erfahren hatte. Um die Anfangsgrüde der himmlischen Weisheit kennenzulernen, wird Peter zum Beispiel von einem Lehrengel betreut, der die Erde etwa im gleichen Alter verlassen hatte wie er selbst. Der nimmt ihn bei der Hand und führt ihn zum Anschauungsunterricht auf Wolken, die der Erde sehr nahe kommen, von denen aus sie beide das Treiben der Menschen beobachten können.

"Du sollst kennenlernen, wie Menschen versuchen, von anderen etwas zu bekommen, was die ihnen nicht geben wollen. Und du wirst dir ein Urteil bilden über den Wert irdischer Weisheit. Schau dort ein Kind, dem sein älterer Bruder eine Tafel Schokolade fortgenommen hat. Schau hin und berichte mir, wie das Kind versucht, seine Schokolade zurückzubekommen."

"Es bittet den Bruder darum", beginnt Peter. "Aber es hat keinen Erfolg. Jetzt bettelt es, ebenfalls erfolglos. Nun klagt es, jammert und weint. Aber sein Bruder lacht nur. Das macht den Kleinen zornig. Er fordert, schimpft. Er droht sogar." - "Und? Hat er Erfolg damit?" fragt sein Lehrer. "Nein", erwidert Peter. "Es ist alles vergeblich."

"Und nun sieh dort hin", fährt der Lehrer fort. "Dort hinten versucht eine junge Frau, von ihrem Verlobten einen schönen Ring als Geschenk zu bekommen. Wie versucht sie, das Geschenk zu erhalten?" - "Oh", stellt Peter erstaunt fest. "Sie macht es ganz anders. Sie beschwatzt ihn. Sie erzählt, wie glücklich sie wäre, den Ring zu besitzen. Ihre Freundinnen würden blass werden vor Neid. Und er würde im Ansehen steigen, wenn er ihr einen wertvollen Ring zum Geschenk machte. Jetzt schmeichelt sie. Ihre Augen sind voller Versprechen." - "Und was tut er?" fragt der Lehrer. "Oh, er versucht, sie zu überzeugen, dass der Ring zu teuer ist, er bedauert, ihr die Freude nicht machen zu können. Da, jetzt ändert sich ihr Verhalten. Sie behauptet, er liebe sie nicht. Sie schmollt. Aber er lässt sich nicht umstimmen. Jetzt wirft sie ihm vor, geizig zu sein. Das macht ihn sehr traurig. Sie gehen auseinander."

"Dann möchte ich noch, dass du dir diesen Mann ansiehst. Er liebt seine Frau und möchte von ihr umsorgt und gepflegt werden. Schau hin und berichte mir, wie er versucht, ihre Sorge und Pflege zu bekommen." - "Ich sehe den Mann", antwortet Peter. "Aber ich sehe nicht, was er tut, um seine Wünsche erfüllt zu bekommen. Ich glaube, er ist krank." - "Du siehst richtig, er ist krank und klagt über Schmerzen. Er hat es aufgegeben, ihr seine Wünsche zu sagen. Früher hat er gefordert, gedrängt und geschimpft. Als das ohne Erfolg blieb, hat er ihr nur noch gezeigt, wie pflege- und sorgebedürftig er ist, und auf Erfüllung gewartet." - "Aber er bekommt auch jetzt nicht, was er braucht", wendet Peter empört ein. "Das finde ich ungerecht. Er leidet vergeblich." - "Das ist irdische Weisheit", erwidert der Lehrengel. "Die gibt nicht auf, vergeblich zu verlangen und dafür zu leiden." - "Aber wie sollte er sich sonst helfen", fragt Peter . "Wie die alte Dame dort im Rollstuhl. Schau hin und berichte, was sie tut, um zu bekommen, was sie braucht." - "Sie tut nichts", stellt Peter fest. "Richtig", bemerkt der Lehrengel. "Was sie braucht, beschafft sie sich selber." - "Aber es gibt doch Dinge, die sie sich gar nicht beschaffen kann", wendet Peter ein. "Richtig", erwidert sein Lehrengel. "Um solche Dinge bittet sie nur Menschen, von denen sie weiss, dass sie ihre Bitten gerne erfüllen." - "Ja, aber was tut sie, wenn sie etwas braucht, und niemand da ist, der diesen Wunsch gerne erfüllt?" - "Dann vergisst sie diese Dinge und hängt ihre Gedanken und Wünsche an Erreichbares. Schau übrigens noch einmal hin, fällt dir etwas auf?" - "Ja", erwidert Peter. "Sie hat ein heiteres Gemüt. Wie seltsam!" - "Das ist gar nicht seltsam. Das ist himmlische Weisheit. Aber nur ganz wenige Menschen begreifen sie schon auf Erden."

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