Weihnachtsgeschichte


Ein König, der alles hatte, was sich ein Herrscher wünschen und erwerben kann, fühlte sich müde und allein. So viele Jahre hatte er die Krone nach aussen vertreten, hatte verhandelt und gekämpft und sich dabei den Menschen entfremdet. Er besass Wissen und Erfahrung und war allen überlegen. Vor lauter wichtigen Dingen sah er nicht mehr, was um ihn geschah, er spürte nur, dass er in seiner Würde immer einsamer wurde.

Eines Tages erinnerte er sich, dass er von drei Königen Kunde bekommen hatte, die einem Stern gefolgt waren und an einem abgelegenen Ort einen kindlichen König gefunden hatten, der ihr Leben völlig verändert hatte.

Er entschloss sich, auch dorthin zu gehen. Vielleicht würde er dort finden, was ihm Reichtum und Würde versagten. Er sagte niemandem ein Wort, legte alle Zeichen seiner Stellung ab und machte sich heimlich auf den Weg. Er nahm nur seinen Stab mit sich, der ihm am liebsten war. Er war aus edlem Holz gefertigt und mit vielen goldüberzogenen Figuren verziert, die seine Kämpfe und Siege darstellten. Er bestrich ihn unterwegs mit Erde und Asche, damit er seinen Träger nicht verriete.

Nachdem er am Ort angekommen war, der ihm aus der Kunde der drei Könige bezeichnet worden war, stand er vor einer armseligen Hütte. Er stiess die Holztüre auf, die nur angelehnt war, damit auch ein Schwacher sie öffnen könnte, und trat ein. Er blickte um sich. Niemand war da. Nichts war da. Nur eine Krippe stand da, sie war leer. Der Boden unter ihr war von vielen Füssen zertreten. Nachdem sich seine Augen an das Dunkel gewöhnt hatten, gewahrte er einen alten Hirten, der vor der Krippe kniete und in seine Gedanken und Träume versponnen schien. Sein Stab lag neben ihm auf der Erde. Er bemerkte den Eingetretenen nicht. Seine Augen waren weit offen und schauten dahin, wo nichts mehr zu sehen war.

Von der seltsamen Kraft dieser Andacht betroffen, blieb der König regungslos stehen. Er betrachtete lange die Krippe, in der einst der kindliche König gelegen hatte. Ihre Leere begann wie ein Sog auf ihn zu wirken und holte aus dem Verborgenen seines Herzens empor, was ihn seit langem bewegt und unruhig gemacht hatte. Seine Herrscherkraft und seine Menschenscheu, seine Würde und seine Einsamkeit, sein Amt und seine Müdigkeit stiegen in ihm hoch, fielen von ihm ab und sanken in die Krippe, dorthin, wo der versunkene Blick des alten Hirten ruhte. Ein leiser Wind strich durch die Hütte, und es war, als ob er in einem sanften Wirbel die Nöte des Königs und die Andacht des Hirten vermischte. Beider Herzen füllten sich mit dem, was in der Krippe lag. In die Augen des Hirten kam ein wissender Glanz und in die Augen des Königs ein milder Schein. Der Hirte erkannte plötzlich die Grösse der Verantwortung und die Not der Macht, die hinter dem Unbekannten aufstiegen, und der König spürte die Tiefe und Güte des Friedens, der vom Knieenden ausging.

Erschrocken schauten sie einander an. Der König liess seinen Stab aus der Hand fallen, kniete neben dem Hirten nieder, umarmte ihn und wurde von ihm umarmt. Lange verharrten sie schweigend nebeneinander, jeder spürte die Nähe des anderen. Dann erhoben sie sich, nahmen ihre Stäbe, verliessen die Hütte, und jeder ging nachdenklich seines Weges.

Erst nach einiger Zeit merkte der König, dass sein Stab anders in der Hand lag als sonst. Er schaute ihn an und sah, dass er den Stab des Hirten mit sich genommen hatte. Er stützte sich kräftig auf ihn und wanderte mit wachen Augen durch sein Land. Zum ersten Mal sah er, wie die Menschen lebten, litten, arbeiteten und miteinander umgingen.

Er liess den Stab auch nicht aus der Hand, als er wieder zu Hause war und den Geschäften seines Amtes nachging. Alle wunderten sich über den unköniglichen Gegenstand und wollten ihm etwas Würdigeres aufdrängen. Er aber lächelte nur und sagte: "Mein Stab ist in rechten Händen, un der Stab in meiner Hand ist der rechte Stab. Es genügt, dass irgendwo jemand ist, der an mich denkt und Königliches sinnt, wie es genügt, dass ich weiss, für welche Menschen ich königlicher Hirte bin."

Er herrschte friedlich über sein Volk und dankte dem Geheimnis der Hütte, das diesen Tausch zustandegebracht hatte.