Potenzgrenze


Der Werbespruch gefällt mir: "Wenn man Hirne transplantieren könnte: Wären Sie dann ein Spender oder eine Empfänger?"

Vor einigen Jahren, als die Welt und ich noch analog und darum kompatibel waren, konnte ich diese Frage klar beantworten. Doch dann wurde die Welt digital, ich blieb analog, und heute brauchte ich eindeutig ein Spenderhirn. Zum Beispiel hatte ich früher keine Probleme einen Wecker zu stellen. Wecker hatten zwei Rädchen. Mit dem einen Rädchen konnte man die Uhr richten, mit dem anderen die Weckzeit einstellen. In der Regel ging der Wecker pünktlich los. Und per Faustschlag konnte man ihn wieder ausschalten.

Heute heissen Wecker "Alarm Clocks". Nur schon das Wort! Alarm! Ein Alarm ist ein Notsignal. Laut Duden bedeutet alarmieren "eine Hilfsorganisation (die Feuerwehr, die Polizei) zum Einsatz, zu Hilfe rufen". Da steht sie also jeden Morgen um mein Bett versammelt, weil der Alarm losgegangen ist, und wundert sich. Das heisst: sie stünde, wenn er losginge. Doch er geht nicht.

Wie alle digitalen Geräte zeichnet sich nämlich auch die Alarm Clock durch ein hoch interessantes Eigenleben aus, das sich meiner analogen Logik verwehrt. Nun bin ich aber superultramegamodern. Und habe darum und dennoch eine Unzahl von elektronischen Geräten angeschafft. Anders formuliert: In meinem Haushalt arbeitet nur noch das Bügeleisen mit Dampf. Ansonsten kann ich mich in jeder Lebenslage ins World Wide Web einklinken. Oder via Natel gar Messages empfangen. Davon hatte ich jahrzehntelang geträumt: Irgendwo auf der Welt, zum Beispiel hoch oben auf einem Berg, in Gottes freier Wildbahn, eine Message zu erhalten: "Wo bist Du? Kehr sofort zur Arbeit zurück!" Kann man sich etwas Schöneres vorstellen?

Das Problem ist natürlich, dass ich keine Messages empfangen kann. Aus dem einfachen Grund, weil ich es nicht kann. Ich müsste erst viele dicke Bücher lesen. Gebruiksanwijzingen: Um zu kapieren, wie man ein Videogerät programmiert. Oder die hoch änigmatische Backofenuhr. Ich aber nix versteh. Im Wesentlichen drücke ich darum noch immer, zu gegebenen Zeiten, ohne je etwas zu programmieren, mit dem Zeigefinger auf Knöpfe. Denn im Wesentlichen beherrsche ich ungefähr ein Prozent von dem, was all diese Geräte theoretisch können.

Ein Prozent ist, zugegeben, nicht gerade viel. Doch unter uns: Es reicht. Und was mein Hirn anbelangt, so muss ich es ja nicht unbedingt spenden.

von Gisela Widmer